Neid, Missgunst und Verbitterung – oder warum es so schwierig ist sich für andere zu freuen. Ein Beitrag zum Inneren Kind.

Einige haben dieses Phänomen vielleicht schon beobachtet oder waren gar selbst schon davon betroffen: Man hat etwas Großartiges erreicht, freut sich über eine Sache oder ein Ereignis unheimlich, hat Glück und Erfolg oder strahlt schlichtweg Zufriedenheit aus.

Und dann trifft man auf einen Menschen, der sich auf keine Art und Weise darüber freuen kann. Statt­dessen redet er alles schlecht, erwähnt lediglich negative Aspekte und zu guter Letzt versucht er vielleicht sogar durch Lügen und falsche Aussagen die eigene Freude zu trüben.

Warum das? Gerade wenn das Verhalten Menschen betrifft, die einem sonst sehr nahestehen, erscheint dies gänzlich unverständlich.

Man sollte meinen, sich mit anderen zu freuen, wäre doch das Normalste der Welt. Aber anscheinend ist dem nicht so.

Wir dürfen nicht vergessen, dass hinter einem solchen Verhalten eigene Sorgen, Ängste, Probleme und Erfahrungen stehen, die dem Gegenüber manchmal gar nicht bewusst sind, aber im Unterbewusstsein schlummern und durch unsere positiven Gefühle getriggert werden.

Wenn nun also jemand in seiner Kindheit Glaubenssätze vermittelt bekommen hat, wie „Erfolg ist nur was für die Reichen“, „Eigenlob stinkt“, „Werde bloß nicht überheblich“, „Liebe macht blind“, „Genuss ist nur was für Faule“, dann fällt es diesen Personen schwer in ihrem Erwachsenen – Ich zu bleiben, wenn ihr Ge­genüber eben genau solche Themen anspricht und diese wunden Punkte seines inneren Kindes gedrückt werden.

Ein Beispiel:

Ein Kind (nachfolgend Ulli genannt) ist mit dem Glaubenssatz groß geworden: „Das Leben ist kein Wunschkonzert“.

Jedes Mal, wenn Ulli seine Bedürfnisse, Wünsche, Träume und Phantasien geäußert hat, bekam er diesen Glaubenssatz zu hören. Wohl nicht, weil seine Eltern ihn bestrafen wollten oder ihn nicht liebhatten.

Die Eltern wurden vermutlich selbst mit diesem Glaubenssatz groß, was sich über viele Generationen schon durchgezogen haben kann.

Was hat Ulli nun gelernt?

Er hat gelernt, dass die eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht zählen, oder er diese zumindest nicht laut zu äußern hat.

Ulli hat zudem gelernt sich anzupassen, zurückzustecken und sich klein zu halten.

Großartige Ziele, Träume und Pläne schmieden lag ihm fern und macht es dem Erwachsenen – Ulli nun schwer, selbige in seinem Alltag zu integrieren.

Menschen wie Ulli haben oft ein großes Potential, trauen sich aber wenig zu.

Sie neigen häufig dazu zwanghaft zu versuchen sich mit dem zufrieden zu geben, was sie haben (zum Bei­spiel eine unglückliche Beziehung oder ein nicht erfüllender Job) und erlauben sich nicht daran zu denken, wie es anders sein könnte. Eine andere Situation, Begebenheit oder Sache zu wünschen oder gar phanta­sievoll eine Zukunft zu kreieren, auf die sie hinarbeiten wollen, verbieten sie sich selbst.

Wenn nun also Ulli, aufgewachsen mit dem Glaubenssatz „das Leben ist kein Wunschkonzert“ konfrontiert wird mit beispielsweise seinem besten Freund, der anscheinend gerade das große Los in Form eines neuen Jobs, eines großen Erbes und einer tollen Partnerin gezogen hat, sind das womöglich Dinge, die sich Ulli auch wünschen würde.

Wenn nun bei Ulli diese Punkte gedrückt werden, werden damit Erinnerungen hervorgerufen. Alte Bedürf­nisse kommen hoch und sofort ist der Glaubenssatz wieder in Ullis Kopf präsent: „Das Leben ist kein Wunschkonzert“. Dann kann Ulli gar nicht anders, als in dem Moment mit Neid, Missgunst und Verbitterung zu reagieren.

In diesem Moment spricht der „Kleine – Ulli“, nicht der Erwachsene. Der Kleine, der in diesem Beispiel nicht versteht, warum sein Freund alles bekommt, was er möchte und er selbst zurückstecken muss. Eine wü­tende, bockige, missgünstige Reaktion ist die Folge, die, aus kindlicher Sicht betrachtet, absolut nachvoll­ziehbar ist.

Man könnte noch unzählig weitere Beispiele für solche Konfrontationen nennen.

Was ich damit sagen möchte sind zwei Dinge:

Zum einen lohnt es sich immer wieder sich selbst mit seinen eigenen Glaubenssätzen auseinander zu setzen und diese in einem weiteren Schritt in positive, neue Glaubenssätze umzuwandeln.

Ich kann beispielsweise jedes Mal, wenn in mir der Glaubenssatz auftaucht „Man muss sich auch mal zu­sammenreißen!“, diesen durch den Glaubenssatz „Ich bin stark“ ersetzen.

Und zum anderen hilft der Gedanke mit den Glaubenssätzen und dem verletzten inneren Kind vielleicht etwas im Umgang mit anderen Menschen oder in dem Verständnis ihnen und ihrem Verhalten gegenüber.

Wenn wir ihr Verhalten als Reflektion ihrer eigenen Themen, Erfahrungen und Herausforderungen sehen und nicht als Stempel oder als Kritik an unserer Person, dann kann das für viel Verständnis und Gelassen­heit sorgen.

Die Auseinandersetzung mit den eigenen Glaubenssätzen lohnt sich nur schon insofern, als dass es durchaus passieren kann, dass ein gekränktes inneres Kind des Gegenübers auf unser eigenes inneres Kind trifft.

Um nochmal Ulli als Beispiel zu nehmen:

Wenn dieser verständnislos, missgünstig und verbittert reagiert, und sein Freund wiederum mit dem Glau­benssatz aufgewachsen ist „Die anderen sind doch sowieso nur neidisch“, kann man relativ schnell erahnen, zu was für einem Sandkastenkrieg es dadurch kommen kann.

Vielleicht magst Du Dir mal Glaubenssätzen, die Du noch aus Deiner Kindheit in Erinnerung hast, notieren. Spannend ist es auch diese mit einem Partner, anderen Familienmitgliedern oder im Freundeskreis zu vergleichen.