Die reziproke Hemmung und die Dankbarkeit

Es ist ein lohnenswerter Gedanke sich häufiger mit dem Thema „Dankbarkeit“ auseinan­derzusetzen.
Eine zugegebenermaßen nicht ganz leichte Aufgabe, vor allem in belastenden Krisensituationen.

Dabei gewinnt Dankbarkeit zunehmend auch an Geltung in der Wissenschaft. So ist sie seit 1998 beispielsweise eine wissenschaftliche Strömung der positiven Psychologie.
Außerdem belegen aktuelle Studien, dass Dankbarkeit eine optimistische Lebenseinstel­lung und Lebensfreude fördert, sowie sie Auswirkungen auf das körperliche Wohlbefinden haben kann.
Ebenso neigen dankbare Menschen weniger zu Stress, Angst, Ärger, Schlaf­störungen und Depressionen.

Die Auswirkungen auf der physischen Ebene ereignen sich aus folgendem Zusammenhang:
Während Menschen an etwas Schönes denken und Dankbarkeit empfinden, können sie sich nicht gleichzeitig vollends schlecht fühlen.

Das bedeutet, dass zwei miteinander unvereinbare Zustände, wie zum Beispiel An­span­nung und Entspannung, Unzufriedenheit und Glück, Unglück und Dankbarkeit nicht zu 100% gleichzeitig auftreten können.
Dankbarkeit schwächt also negative und erzeugt zeitgleich positive Gefühle.
Dieses Prinzip nennt man reziproke Hemmung
.

Reziproke Hemmung:

Treten zwei gegensätzliche und miteinander unvereinbare Zustände und Reaktionen zeitgleich auf, spricht man in der Psychologie von einer reziproken Hemmung.
Charles Scott Sherrington hat den Begriff der reziproken Hemmung 1906 eingeführt, wobei dieser ursprünglich die Hemmung eines Spinalreflexes durch einen anderen Reflex bezeichnete.
Der Begriff wurde später von Joseph Wolpe auf andauernde und komplexe Verhaltensweisen übertragen und entwickelte die Methode der systematischen Desensibilisierung, welche eine wichtige Rolle in der Verhaltenstherapie spielt.
So gibt es gewisse Verhaltensweisen beim Menschen, die beispielsweise nicht mit einer Angstreaktion vereinbar sind:
Entspannung, sexuelle Reaktionen und selbstbehauptendes Verhalten.

Die Wechselwirkung zwischen negativen und positiven Gedanken und Gefühlen zeigt, dass es folglich wichtig ist, nicht nur negative Gedanken und Gefühle zu verringern, sondern be­sonders auf den Aufbau und die Stärkung positiver Gedanken und Gefühle zu achten und diesen regelmäßig einzuüben.

Wenn wir also Leid und negative Gefühle abbauen, sollten wir die dadurch entstan­dene „Lücke“ auch mit Freude und positiven Gefühlen füllen.

Es kommt häufig vor, dass sich Menschen nach einer Therapie, einem Coaching oder einer Entspannungseinheit zwar vorübergehend erleichtert fühlen, sich jedoch wenig an dem Zu­stand erfreuen können oder anhaltend glücklicher sind. Denn: Wenn wir etwas „Schlechtes“ wegnehmen oder es von uns ablösen (etwas, das wir möglicherweise schon seit Jahren mit uns rumtragen), entsteht dadurch normalerweise eine „Lücke“.
Und da wir Menschen Gewohnheitstiere sind, liegt die Konsequenz nahe, dass wir diese Lücke demnach wieder füllen wollen und zwar mit dem uns „Altvertrauten“, weil wir nicht gelernt haben, diese Lücke mit etwas „Besserem“ zu füllen.

Und für dieses „Bessere“ ist Dankbarkeit ein wundervolles Mittel.

Wie wir also jetzt wissen, versetzt sie uns in positive Emotionen. Diese wiederum bringen uns in die Lage mehr Reize wahrzunehmen, zu verarbeiten und entsprechende Ver­knüpfungen herzustellen.

Dabei kommt es gar nicht unbedingt auf die Stärke der guten Gefühle, sondern viel mehr auf ihre Häufigkeit an.

Um diese Häufigkeit zu trainieren, empfehle ich Dir ein kleines Dankbarkeits -Tagebuch zu führen:

Notiere Dir darin einmal täglich Deine Gedanken darüber, was an diesem Tag gut war, bzw. wofür Du dankbar bist.
Ob es nun kleine, unscheinbare Dinge (wie zum Beispiel ein nettes Gespräch, ein gutes Abendessen, die ersten blühenden Blumen, oder ein tolles Lied im Radio) sind, oder die Kon­stanten in Deinem Leben (wie beispielsweise die Kinder, die Familie, das Eigenheim oder ein Haustier) ist letztendlich irrelevant.
Wie oben im Text erwähnt, geht es nicht um die Ge­wich­tung, sondern um die Häufigkeit.

Um Dich selbst nicht zu überfordern, macht es Sinn, Dir für die erste Woche 3 Dinge vorzu­nehmen, die Du täglich notierst.
Diese kannst Du dann Woche für Woche steigern.
Wie viele Punkte es schließlich werden, sei dahingestellt. Dinge können sich auch wieder­holen oder abwechselnd vorkommen, wichtig ist es „dran zu bleiben“ und negative Gefühle durch positive zu ersetzen.

Herzblatt

„Nicht die Glücklichen sind dankbar.
Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“

Francis Bacon